Unter der Drachenwand

von Arno Geiger

Rezension: Walter R. Winter

Die «Drachenwand» ist eine 1.176 Meter hohe Felswand in den Bergen des Salzkammerguts.

«Unter der Drachenwand» ist ein merkwürdiger, ein intensiver, ein scheinbar aus der Zeit gefallener Roman. Und gerade deshalb zeitlos und absolut lesenswert!

Aus der Zeit gefallen erscheint dem Rezensenten der Roman, weil er die Erzählungen der Frontkämpfer der frühen Nachkriegszeit nachempfindet. Es geht auch um die seelischen Verheerungen, die der Krieg dem Menschen antut. Intensiv, weil die Sprache auf dem Punkt ist, keine mäandernden Sätze, sondern präzise Beschreibung von Fakten, Landschaften, Personen, Gefühlen.

1944 Mondsee

Worum geht es? Unter der Drachenwand zeigt drei junge Leute, die nicht wissen wie es 1944 mit ihnen weitergeht, so der Klappentext. Der Icherzähler, Veit, 23 Jahre alt, ist seit fünf Jahren Soldat. Er  spannt den Bogen der Erzählung von seiner Kriegsverletzung an der Ostfront über seinen Lazarettaufenthalt im Saarland, hin zu seiner mehr als ein Jahr währenden Rekonvaleszenz in Österreich, der Ostmark,  in Mondsee, unter der Drachenwand. Hier ist der Krieg weit weg und es herrscht eine nationalsozialistische Normalität wie in Friedenszeiten. Das Leben geht seinen gewohnten, alltäglichen Gang.

 

Drachenwand vom Mondsee aus betrachtet.

Drachenwand vom Mondsee aus betrachtet.
Quelle: Shutterstock 105422999

Veit leidet an posttraumatischen Störungen. Er wird weiter vom Fronteinsatz freigestellt. Veit kämpft mit der Einnahme von Pervintin gegen seine Alpträume an.

In Mondsee ist er auf dem Hof einer fanatischen Nationalsozialistin  einquartiert. Im selben Haus wird auch eine junge Mutter und Kriegsbraut, Margot aus Darmstadt, mit ihrem Baby einquartiert. Die beiden jungen Menschen freunden sich an. Sie helfen sich aus mit Feuerholz, kochen und essen gemeinsam. Margot bessert Veits Uniformrock aus. Es entsteht unmerklich, leise, eine tiefe Beziehung, eine Liebe. Wundervoll beschrieben wie dies geschieht, voll Anmut und Zärtlichkeit vor der Folie des Grauens des fortdauernden Krieges.  Im Ort wird über den Drückeberger und das Flittchen geratscht.

In dem Ferienheim am See, in Mondsee, kommt eine Gruppe kinderlandverschickter Mädchen mit ihrer Lehrerin an. Auch hier besteht für Veit die Möglichkeit des Anfangs einer Beziehung mit der Lehrerin. Doch dazu wird es nicht kommen. Zu unterschiedlich sind die Einstellungen zum Regime.

Daneben und dazwischen, Erzählstränge aus Veits Heimatstadt Wien und der Zeit vor dem Krieg. Gegengeschnitten die Briefe der Mutter Margots aus Darmstadt. Berichte der Mutter über die Bombardierungen von Darmstadt, bringen die Wirklichkeit des Krieges auch nach Mondsee.

Bombergeschwader

Beklemmende Beschreibung der Überflüge der alliierten Bombergeschwader Richtung Wien.

Dies ist aber auch gleichzeitig der Beginn einer wundervollen Liebesgeschichte im Zeichen des nationalsozialistischen Terrors und des Krieges. Unverhoffte Idyllen, der Ruhe, werden beschrieben, des Innehalten und des Träumen. Die Hoffnung Veits, nicht mehr an die Front zu müssen, die Hoffnung des jungen Paares, das alles gut wird. Sie nach dem Krieg heiraten können.

Nicht umsonst ist dieses Buch für den deutschen Buchpreis nominiert. Ich kann es nur empfehlen. Keine Sekunde langweilt es. Unter der Drachenwand ist sprachlich auf hohem Niveau, inhaltlich dicht und voll überraschender Wendungen.

Autor: Arno Geiger
Genre: Roman
Verlag: Hanser

Anzeige

Anzeige

1 Comment

  1. Veröffentlich von AS am 18. Oktober 2018 um 17:49

    Nach der Frankfurter Buchmesse ist die Liste der Bücher lang, die in der Winterzeit darauf warten, gelesen zu werden. Die Rezension hat mich aber ausreichend neugierig gemacht, um nicht nur Arno Geigers Roman mit auf diese Liste zu nehmen, sondern das Buch auf dieser auch weit oben zu platzieren. Herzlichen Dank für die Empfehlung!
    André Störr, Weimar



Hinterlassen Sie einen Kommentar





Anzeige