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GRM BRAINFUCK

von Sibylle Berg

Am Ende, nach 634 Seiten, klingt Sibylle Bergs Roman „GRM Brainfuck“ aus wie die kurze Phase der Stille nach einem Sturm, einem rasenden, tosenden Sturm. Eines der zentralen Worte dieses fulminanten Buches ist „Wut“. Die Protagonisten sind wütend, am Anfang, in der Mitte und fast bis zum Ende. Die Welt wankt. Aber zuletzt ist die Welt nicht untergegangen. „Die Menschen gewöhnen sich an die Umstände, die neuen Bedingungen, die neue Bescheidenheit, die neuen Menschen, die neuen Einschränkungen, die neuen Geräte. Die neuen Geräte.“
Vom neuen Menschen stand schon einmal etwas Geschrieben, damals bei Friedrich Nietzsche, der ob der industriellen Revolution wütend wurde, bevor der Wahnsinn ihn in die geistige Umnachtung schickte. Die vier jungen Menschen, die Sibylle Berg in das Zentrum ihres Werkes stellt, leben nicht im Zeitalter der dröhnenden Maschinen, sondern der Algorithmen, der Kameras, der digitalen Chips. Und noch klarer als Nietzsche zeigt uns die Autorin, dass die Technik nicht die Ursache der Wut ist, allenfalls einer ihrer Katalysatoren. Wütend macht uns das Verhalten der Menschen zueinander, das Miteinander oder besser das Fehlen eines Miteinanders.
Um ein solches Miteinander geht es auch in Sibylle Bergs Werk, vielleicht geht es sogar vor allem darum. „GRM Brainfuck“ macht es uns als Leser dabei schon deshalb nicht leicht, weil die Hauptpersonen allesamt Kinder bzw. Jugendliche sind. Es ist eine Art Coming-of-Age Geschichte. In seiner Drastik, seiner lakonischen Beschreibung von Gewalt ähnelt es Anthony Burgess´ Novelle „A Clockwork Orange“. Bei Sibylle Berg sind die Teenager aber nicht nur Opfer ihrer Umstände, nicht Täter, sondern erst einmal Opfer der Brutalität anderer, meist Erwachsener.
Die Handlung beginnt in der Apokalypse der Sozialsiedlungen im englischen Rochdale, einer mittelgroßen Stadt in der Nähe Manchesters. Sibylle Berg verwebt dabei ihre Erzählung mit realen Ereignissen. Diese realen Begebenheiten lassen sich leicht daran identifizieren, dass sie viel grausamer, schlimmer, unmenschlicher sind, als all die Dinge, die als Fiktion hinzutreten. Das eigentlich Bedrückende bei der Lektüre des Romans ist dann, dass hier keine Dystopie entwickelt wird – dafür fehlt es schon an der Verlagerung der Ereignisse in die Zukunft. Die Leserin/der Leser finden sich vielmehr mitten drin in den Ereignissen. Der Angelpunkt der Handlung ist die uns bekannte Gegenwart. Die Zeitperiode, die die Handlung durchmisst, sind dann jeweils +/- 10 Jahre, wobei beim Lesen nicht immer gleich klar ist, wie sich die aktuelle Buchseite im Kalender einordnet.
Womöglich ist die schlimmste Erfahrung beim Lesen, dass all das, was dort dargelegt, behauptet, vorgezeichnet wird, ohne weiteres als wahr angenommen werden könnte. In einer Zeit, in der Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, wird alles vorstellbar.
Das Buch entwickelt das Schicksal der vier Kinder, die im Mittelpunkt stehen, durch ihre Kindheit und Teenagerjahre. Die Kinder werden vom Opfer zu Aussteigern, zu Verweigerern, Partisanen und am Ende zu Erwachsenen. Die Wut, die über weite Teile das Buch prägt, wird zuletzt doch von einem Teil der Protagonisten gegen Zufriedenheit eingetauscht, gegen bürgerliche Zufriedenheit, wobei bürgerlich auch hier als ein sehr individuell geprägter Begriff erscheint. Die anderen tauschen ihre Wut auch ein, allerdings gegen Angst bzw. gegen Unzufriedenheit. Gesellschaft ist divers.
Der eigentliche Clou des Buches ist die kritische Auseinandersetzung mit Technik bzw. Technologie. In einer Zeit, in der Politik die Digitalisierung zum Überthema stilisiert, die großen Chancen der Digitalisierung behauptet und doch wie immer bei einem recht vagen Begriff bleibt, greift Sibylle Berg auf sehr subtile, ironische ja philosophische Weise das Verhältnis vom Menschen zur selbst geschaffenen Technik auf, ein für uns alte Europäer traditionsreicher Diskurs. Seit nunmehr fast zwei Jahrhunderten fragen sich die Gelehrten in Europa, ob die Technik nun etwas Gutes bringt oder eher den Untergang der Menschheit bewirkt. Irgendwie ist das auch eine – zeitgemäß gesprochen – links/rechts Debatte. Die Sozialisten hoffen auf die Befreiung des Proletariats durch Technologie, der Bildungsbürger klammert sich an sein Buchregal im holzgetäfelten Bibliothekszimmer fest, hinter dem er auch seinen Schnapsvorrat versteckt hält.
Wie auch immer sich die Debatte nach der einen Seite hin oder von ihr weg neigen wolle, bleibt eine Erkenntnis bestehen: Jedenfalls macht die Technik Dinge einfacher, so oder so. Aber was ist sie mehr als ein Werkzeug? Wenn Sibylle Berg die britische Regierung in ihrem Roman ein neues Sozialprogramm mit einem bedingungslosen Grundeinkommen auflegen lässt, bei dem der Empfang der staatlichen Subvention an die Bereitschaft zur digitalen Erfassung und dauerhaften umfassenden Überwachung geknüpft wird, klingt das bedrohlich, real und irgendwie auch nicht wünschenswert. Und doch ist es nur die technisch verbesserte Erneuerung des englischen Poor Relief Acts von 1662 mit seinem settlement certificate und dessen Weiterentwicklung im Poor Law Amendment Act zwei Jahrhunderte später, im Jahr 1834. Das Grundeinkommen ist dann schon beinahe der zivilisatorische Fortschritt, denn im Gesetz von 1834 wurde die soziale Sicherung noch mit der Verpflichtung zu körperlicher Arbeit im lokalen Arbeitshaus verbunden, getrennt nach Frauen und Männern und nach bestimmten „Armutsklassen“ und streng überwacht von einem Board of Guardians. Die Entkoppelung von Arbeit und Fürsorge durch eine Grundsicherung ist vor dem Hintergrund beinahe schon ein Vorgriff auf den Sozialismus mit seinem Versprechen, die Entmenschlichung aufgrund der stupiden Arbeitstätigkeiten in den Fabriken durch den Einsatz von Maschinen, Roboter oder was auch immer künstlich Zusammengeflicktes zu beenden. Wer es nicht glaubt, lese nur August Bebels Buch „Die Frau und der Sozialismus“.
Aber sind die Maschinen nun gut oder schlecht, nützlich oder schädlich? Es sind nicht die Maschinen, es sind die Menschen, könnte es im Ergebnis von Sibylle Bergs Buch heißen. Das Schicksal unserer Gattung bleibt es, dass wir nicht vernünftig sind, sondern nur vernunftbegabt. Auch hier eröffnet „GRM Brainfuck“ den Zugang zu einer großen, alten Debatte. In die Kulturgeschichte eingegangen ist die von der Academie de Dijon 1749 ausgelobte Preisfrage „Hat der Wiederaufstieg der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen“. Überlieferungswürdig war dabei nicht die eher biedere Frage, sondern die dreiste Antwort, die Jean Jaques Rousseau auf diese Frage gab: „Nein“. Rousseaus elaborierte Begründung mit Zitaten und Rückgriffen auf geschichtliche Anekdoten versucht das Vernunftsdilemma durch eine Kulturkritik zu lösen. Was denn wäre anders? Wären wir weniger gut regiert, weniger blühend wären wir verdorbener, wenn es all die neuartigen Dinge, die uns die Wissenschaft verschafft hat, nicht gäbe, fragte Rousseau und fragt irgendwie auch Sibylle Berg. „Die Menschen sind verdorben, und sie würden noch elender sein, wenn sie das Unglück gehabt hätten, gelehrt geboren zu werden“, so Rousseau damals, als sähe er Altphilologen wie Boris Johnson schon vor sich.
Vermutlich ist das tatsächlich eine akzeptable Einsicht. Oder es sitzen vier junge Erwachsene mit schwieriger Kindheit zusammen an einem Tisch. Sie haben jeder für sich inzwischen erkannt, dass die Schwüre von Zusammenhalt, Treue und Liebe aus den Kindertagen an deren Ende ihre Bindungskraft verlieren, dass sie sich als Menschen entwickeln dürfen, dass sie nicht ewig Kind bleiben werden, dass sie zurücklassen dürfen, was ihre Kindheit ausmachte, dass vielleicht nicht alles vorgeprägt und vorgegeben ist, dass da vielleicht sogar ein Leben vor ihnen liegt, ein eigenes Leben. Und plötzlich ist da Musik, Grime Musik. Muss denn immer alles besser werden? Oder reicht es manchmal schon, wenn es anders wird als gedacht?

Autor: Sibylle Berg
Verlag:Kiepenheuer & Witsch
Genre:Roman
Seiten:640
ISBN:978-3-462-05143-8
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Autor: Sibylle Berg
Verlag:Kiepenheuer & Witsch
Genre:Roman
Seiten:640
ISBN:978-3-462-05143-8
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1 Kommentar

  1. Peter Trebing Veröffentlich von Peter Trebing am 27. November 2019 um 16:55

    Seite 214 #GRM. Die Pause war auch dringend notwendig. Diese Buch ist von einer Intensität, einer Deutlichkeit, die das eigene Denken in Richtung Verzweiflung lenkt.
    Ich muss das Gelesene förmlich abschütteln.
    Den @ImmerLesen Preis hat es schon.



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