Das Floß der Medusa

von Franzobel

Rezension: André Störr

Das Jahr 1816 war nicht nur das Jahr ohne Sommer – der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora bewirkte in Westeuropa ein kaltes und nasses Sommerhalbjahr. Das Jahr 1816 brachte Europa auch einen Skandal, der das nachnapoleonische Frankreich erschütterte und viele Menschen schaudernd Anteil nehmen ließ.

Im Juli 1816 strandete vor der Küste des heutigen Mauretaniens die französische Fregatte Medusa mit 400 Personen an Bord. Sie war auf ihrem Weg in den Senegal durch Inkompetenz und Führungsschwäche des Kapitäns von ihrer Route abgekommen und auf der Aguin-Sandbank aufgelaufen. Die Rettungsboote konnten nicht alle Passagiere und Besatzungsmitglieder aufnehmen. So blieben 17 Personen auf dem Wrack zurück,150 Personen wurden auf ein Floß beordert, das von den Rettungsbooten an die Küste gezogen werden sollte. Doch schon kurz nach Beginn der Rettungsaktion wurde die Zugleine gekappt und das nur 7 Mal 20 Meter messende Floß ohne Ruder, Anker oder Segel und auch ohne nennenswerten Proviant seinem Schicksal überlassen. Unvorstellbare 13 Tage trieb das Floß auf dem offenen Meer, bevor es von einem Schiff gesichtet wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren nur noch 15 der ursprünglich 150 Menschen auf dem Floß.

Das Floß der Medusa (Théodore Géricault)

Das Floß der Medusa
Quelle: Shutterstock 268991894 (vintage engraved illustration, Morphart Creation)

Diese Geschichte ist oft schon erzählt, erstmals bereits kurz nach dem Unglück durch zwei Überlebende des Floßes der Medusa, den zweiten Schiffsarzt Henri Savigny und den Ingenieur Alexandre Corréard. Durch den österreichischen Schriftsteller Franzobel wurde die Tragödie jüngst noch einmal aufgegriffen und zum Thema eines Romans gewählt.

Die eigentliche Fahrt auf dem Floß und die erschreckenden Geschehnisse darauf nehmen dabei nur einen geringeren Teil des 590 Seiten umfassenden Werkes ein. Franzobel nimmt sich viel Zeit, um die Entstehung der Katastrophe zu erzählen. Er nimmt uns mit auf die Fahrt der Medusa. Dabei schafft er auf der Enge des Schiffes ein Abbild der nachrevolutionären französischen Gesellschaft. Der Adel hat in der restaurierten Monarchie wieder die alten Positionen eingenommen, die gewesenen oder noch immer treuen Anhänger Napoleons sind die Verlierer und haben ihren Platz allenfalls in der zweiten Reihe. Aber die eigentlichen Verlierer sind diejenigen, die auch vorher nie gewinnen konnten, die namenlosen Seeleute und Soldaten, die unsichtbar bleibenden Arbeiter, Helfer und Diener. Auch bei Franzobel bleiben sie meist namen- und bilderlos. Und dennoch wählt der Autor geschickt nicht eine Figur als Hauptfigur aus, sondern nimmt sich verschiedene exemplarisch stehende Figuren aus den unterschiedlichen und klar getrennten Kasten und Peer-Groups. Die Erzählung wechselt dann zwischen diesen hin und her, durchaus austariert und abgewogen.

Durch den Roman lotst eine erkennbare Freude des Autors am Erzählen, die rasch zu wahrer Sprachmächtigkeit findet. Franzobel gelingt es, mit präzise gesetzten Sätzen und auf dem Fundament einer detaillierten Recherche den Leser in den Schiffsalltag der Medusa im Jahr 1816 eintauchen zu lassen, auch wenn seine in die Gegenwart verknüpften Gleichnisse nicht jedermanns Geschmack sind und auch nicht bei jeder Generation von Lesern funktionieren werden.

Was aber ist die Moral der Geschichte? Auch hier bleibt Franzobel nahe an der historischen Überlieferung. Skandalträchtig am Schiffsunglücks war das Versagen des Kapitäns, dieses seines Adels nicht seiner Fähigkeiten wegen eingesetzten Snobs. Schon für die Zeitgenossen bot sich hier die Metapher vom Staatsschiff an, das von der wiederhergestellten Bourbonen-Monarchie auf Grund  gesetzt wird. Das Gemetzel und das Sterben auf dem Floß der Medusa war dabei nur eine schaurig-faszinierende Geschichte, die man sich aus Journalen vorlas, in den Schenken oder bei einem Rotwein im Salon erzählte. Auch Franzobel kann sich nicht der Lust am schrecklichen Detail entziehen, wenn er gleich an zwei Stellen das Bild eines durch einen Axthieb gespaltenen Schädels mit nahezu identischem Pinselstrich zeichnet. Dabei bleiben uns die Menschen auf dem Floß erstaunlich fern. Es sind bei Franzobel überwiegend Soldaten (nur eine Frau befand sich auf dem Floß, eine Marketenderin), es ist eine Truppe, die sich aus vielen Nationen zusammensetzt, ein bunter wilder Haufen, der schon deshalb nur schwer Zugang zur Empathie des Lesers erhält, weil er weitgehend anonym bleibt. So ist es dann auch gar nicht so sehr der Zivilisationsbruch, der auf dem Floß der Medusa offenbar wird. Erstaunlicher ist der sich in den anarchistischen Zuständen zeigende Überlebenswille um jeden Preis. „So elend unser Leben war, wünschten wir es doch hinzufristen“, schrieb schon der überlebende Arzt Savigny in seinem in vielen europäischen Zeitungen verbreiteten Bericht zur Katastrophe. Und mehr noch nennt er als Grund für die Gemetzel auf dem Floß die Absicht eines Teils der Floßbesatzung, das Floß und alle Menschen darauf in einem dionysischen Rausch in den Untergang zu stürzen. Im Bürgerkrieg um den Fortbestand des Floßes waren die Lebensmüden dann unterlegen, setzte sich der Lebenswille durch. Zugleich wurde auf der Medusa die philosophische Debatte um einen Naturzustand des Menschen entschieden. Der Mensch ist dem Menschen also doch ein Wolf, allerdings nicht allein in einer sinn- und ziellosen Anwendung von Gewalt, sondern mindestens auch in diesem Drang zum Überleben, egal wo, ob auf der Medusa oder in Auschwitz, notfalls auch durch unheilvoll Arbeit oder durch Kannibalismus.

Über all dem schwebt dann zugleich die Frage: Wofür? Diese Frage lässt das Buch weitgehend aus. Ebenso die zweite ernüchternde Erfahrung aus dieser Katastrophe: ihre mediale Aufbereitung. Es war kein Enthüllungsjournalismus, der das menschliche Desaster ans Licht brachte, sondern Skandaljournalismus. Keine reflektierte Debatte begleitete eine kurze Nachricht zum Schiffsunglück, keine Denkschriften oder Essays wurden verbreitet und diskutiert. Quer durch Europa immer wieder und meist unkommentiert abgedruckt wurde allein der bilderreiche und pathetische Bericht des Schiffsarztes. Die Epoche der Aufklärung war beendet. Hier zeigt sich bereits in aller Härte die Epoche der Unterhaltung, unsere Epoche.

Auf dem Floß der Medusa treibt Europa also durch die Moderne und treibt dort noch heute. Am Ufer tauchte damals, die Haare sich raufend, für einen kurzen Moment Goethe auf und ärgert sich darüber, dass sich niemand mehr freuen oder leider darf, als zum Zeitvertreib der Übrigen. Er meinte damit auch uns, seine Zeitgenossen. Aber unsere Medusa treibt uns von ihm fort. Wir haben die letzten 200 Jahre genutzt, unsere Mittel zu verfeinern. Längst müssen wir nicht mehr auf die Zeitung warten, die uns Monate später einen Bericht liefert. Wir könnten heute das Gemetzel live verfolgen. Und wer hat Zweifel, dass wir es – angemessen angewidert – auch tatsächlich tun würden?

Dem Bildungsbürger immerhin bleibt, Franzobels Roman zu lesen. Die Distanz, die der Autor zu seinen Figuren hält, diese zuweilen herablassend, zuweilen überheblich wirkende Distanz, aus der ein „selbst Schuld“ durchzuklingen scheint, ist letztlich nur die andere Seite des gespielten Schauderns. Es soll womöglich Abgeklärtheit demonstrieren, einen Stoizismus angesichts dieser nicht besserbaren Welt, wie er dem Ende des Buches deutlich beigelegt ist. Und doch ist die Antwort auf das Warum dieses Buches letztlich auch nur: Zur Unterhaltung.

Autor: Franzobel
Genre: Roman
Verlag: Paul Zsolnay Verlag

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1 Comment

  1. Veröffentlich von Walter Rudolph Winter am 15. Oktober 2018 um 10:50

    „Durch den Roman lotst eine erkennbare Freude des Autors am Erzählen, die rasch zu wahrer Sprachmächtigkeit findet. Franzobel gelingt es, mit präzise gesetzten Sätzen und auf dem Fundament einer detaillierten Recherche den Leser in den Schiffsalltag der Medusa im Jahr 1816 eintauchen zu lassen, auch wenn seine in die Gegenwart verknüpften Gleichnisse nicht jedermanns Geschmack sind und auch nicht bei jeder Generation von Lesern funktionieren werden.“

    Sehr richtig, dem kann ich nur zustimmen und das, die in die Gegenwart verweisenden Gleichnisse, z.B. „Arme wie Arnold Schwarzenegger“ hat mir die Lektüre des Romans verleidet. Wiewohl das Werk mit dem Bayrischen Buchpreis 2017 ausgezeichnet wurde, halte ich es für schlecht.
    Walter R. Winter



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