Erinnerungen einer Überflüssigen

von Lena Christ

Schriftstellerinnen gab es in den vergangenen Jahrhunderten auch im deutschen Sprachraum einige. Nur hat es kaum eine von ihnen in den klassischen Kanon geschafft, selbst wenn sie in ihrer Zeit Bestsellerautorin war.

Natürlich ist Publikumserfolg kein hinreichendes Argument für den Wert eines Werkes. Im Gegenteil ist in unserer kulturellen Schatzkammer so manches Werk enthalten, das in seiner Zeit wenig gelesen war. Aber in dieser Schatzkammer ist noch reichlich Platz vorhanden. Und einen Platz darin verdient Leni Christ.

Leni Christ, geboren 1881 als Magdalena Pichler, fand in ihrem Lebenslauf zunächst wenig, was auf eine spätere Karriere als Schriftstellerin hindeutete. Geboren als uneheliches Kind, von der Mutter abgelehnt, bestand ihr Leben aus einer kurzen und überraschend unbeschwerten Kindheit bei ihren Großeltern auf dem Land in Oberbayern. Doch diese Phase endete jäh in ihrem achten Lebensjahr, als die Mutter das Kind nach München holte. Die kleinbürgerlichen Verhältnisse, in die es die Mutter durch Heirat geschafft hatte, bildeten für die nächsten langen Jahre die geputzte Fassade eines wahren Martyriums des Mädchens bei ihrer kalten und gewalttätigen Mutter. Und auch als Erwachsene bekam sie kaum eine Chance auf ein wenig Glück.

Zur Schriftstellerin gereift

Mit Schreiben begann Leni Christ im Jahr 1912, soeben aus einer schwierigen Ehe errettet, die  auch wieder aus Gewalterfahrung bestand und im wirtschaftlichen und persönlichen Ruin endete.

Ihr erstes Buch konnte sie beginnen, da sie als Diktatschreiberin in einer der wenigen glücklichen Fügungen ihres traurigen Lebens an den Schriftsteller Peter Jerusalem geriet. Er ermunterte sie zum Schreiben, da diese Frau Anfang dreißig, dreifache Mutter, nicht nur ein aus ihrem Lebenslauf kaum vermutetes Talent zum sprachlichen Ausdruck zeigte. Sie hatte auch wirklich etwas mitzuteilen. Sie hatte sogar sehr viel mitzuteilen. Denn sie sammelte in ihrem Leben so viele Eindrücke, schlimme Erfahrungen und Leid an, dass es für viele gute Bücher und mehrere Leben gereicht hätte.

Ein Stück Kulturgeschichte

Die Werke, die Leni Christ in ihrem kurzen Dasein als Schriftstellerin verfassen konnte, werden gerne zur Heimatliteratur gerechnet. Ihre biografisch angelegte Debüterzählung „Erinnerungen einer Überflüssigen“, erschienen 1912, ist das nicht. Es ist ein Stück Zeit- und Kulturgeschichte, ja Volkskunde, sprachlich herausragend geschrieben, dicht erzählt und von bedrückendem Inhalt. Auch wenn Biografie nicht notwendig bedeuten muss, dass das Berichtete in jedem wiedergegebenen Dialog authentisch, in jeder Anekdote exakt ist, bleibt all das, was Leni Christ niederschreibt, selbst wenn es nur nahe an der Wahrheit sein sollte, schockierend, atemberaubend, verstörend und doch zugleich auch ein faszinierender Einblick in das Alltagsleben im bürgerlichen München der Jahrhundertwende. Dieser unmittelbare und stets teilnehmende Blick aus dem und auf das alltägliche Leben, den sie immerfort mit gewährt, ist es dann auch, was Leni Christs Buch noch heute unbedingt lesenswert macht. 

In ihrem Konzept und ihrem Stil folgen die „Erinnerungen einer Überflüssigen“ keinen akademischen Regeln und keinem avantgardistischem Plan. Es ist nicht das München, das bei Thomas Mann, von der schönen Villa aus betrachtet, leuchtet. Und es ist nicht der Blick auf die Gesellschaft durch das Spottglas eines Ludwig Thoma, Rechtsanwalt in München. Es ist ein geradliniges Erzählen, dessen Dramaturgie sich aus dem Erlebten ableitet.

Leni Christ berichtet in ihrem Werk episodenhaft und chronologisch aus ihrem damals erst drei Jahrzehnte währenden Leben: Von der Kindheit bei den Großeltern, von der Kinderarbeit in der Gastwirtschaft der Eltern, von der mütterlichen Gewalt, von ihrem Unvermögen, der Bindung an die Mutter zu entsagen. Sie berichtet von ihrer ersten Ehe, die durchaus hoffnungsfroh begann und die quasi in der Hochzeitsnacht aller Hoffnung beraubt wird. Mit dem Ende ihrer Ehe endet dann auch ihr Bericht.

Allerdings endete damit nicht ihr Leid. Denn auch wenn ihr Debüt am Beginn einer Phase erschien, die für Leni Christ zum ersten Mal seit ihrer frühen Kindheit wieder Hoffnung versprach, währte diese Phase nicht lange. Nach kurzer Ehe mit Peter Jerusalem wandte sie sich einer Affaire zu, verlor erneut den Halt, rutschte ab und wurde ein weiteres Mal leider nicht wieder aufgefangen. Im Juni 1920 nahm sich Leni Christ unter tragischen, ja dramatischen Umständen das Leben. Welch Verlust.

Fast schon ist es dann eine Ironie des Schicksals, dass ihr literarischer Förderer und zeitweiliger Ehemann, Peter Jerusalem, sein eigenes Nachleben dem Umstand verdankt, der Wegbereiter der Schriftstellerin Leni Christ gewesen zu sein. 

(Bildnachweis: Ausschnitt aus “A girl looking out from behind a curtain across a street scene at a boy seated on a table playing the recorder in the opposite house.” Process print by F. Hanfstaengl, 1896, after C. Meyer., Wellcome Collection. Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)

Autor: Lena Christ
Verlag:dtv
Genre:Roman
Seiten:234
ISBN:9783423126571

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