Besinnliche Wanderfahrten

Nimmt man das Buch zur Hand, so macht man eine Zeitreise. Ein jetzt fremder, langsamer Rhythmus umfängt den Leser. Der Autor beschreibt Städte, Landschaften und durch diese geprägte Menschen und Regionen. Vom Pfälzer Wald über Schwetzingen, Heidelberg, Baden-Baden, Würzburg, die Reichenau und München geht es durch den deutschen Südwesten. Es ist dies kein klassisches Wanderbuch mit Wegekarten und touristischen Informationen. Vielmehr werden Stimmungen von Landschaften evoziert. Landschaft und Gesellschaft, die so nicht mehr existent ist, wird gegenwärtig. Die Zeit steht still. Die Beschreibungen haben etwas von spitzwegischer Idylle. Vor dem geistigen Auge ersteht die frühe Bundesrepublik als ein verwunschenes Irgendwo im Nirgendwo. Dass zehn Jahre davor ein Weltkrieg alles umstürzte, scheint nie geschehen.

Heimatfilm der 50er in Buchform

Man könnte die „Besinnlichen Wanderfahrten“ auch einen Heimatfilm der 50er in Buchform nennen. Das würde dem Band allerdings nicht gerecht. Wir empfehlen die Lektüre als eine Suche nach der verlorenen Zeit. Ganz im Sinne von Marcel Proust, so man denn noch selbst die 50er und frühen 60er als Jugendlicher erlebt hat. So nah und doch bereits so fern. Das Buch führt auf der Suche nach Heimat und Geborgenheit den Leser unaufdringlich an der Hand. Die Lektüre macht Lust, die beschriebenen Orte selbst (wieder) aufzusuchen. Der geruhsame Rhythmus umfängt den Leser wohltuend. Der Sprachduktus Hausenteins ist inspiriert von Adalbert Stifter und Jean Paul, was das biedermeierliche „Odeur“ noch verstärkt. Man mag dies mögen oder nicht, doch die Lektüre lohnt sich.

Eine Kostprobe: „Von der Berglehne des Königsstuhl gehalten und beschwichtigt, schaut der von seligem, erfüllten Heimweh Ergriffene jetzt auf die alte Stadt der Pfalzgrafen und Kurfürsten, der Bürger, der Gelehrten und Studenten hinab. Violett doch eher rot als blau, erwärmt von einem rosa, das noch in den Schatten glüht, gleicht Heidelberg an diesem Abend der Schönheit Merans …“

Der Klappentext meint dazu: „Die Lektüre wird zur Erholung, zum Genuss und führt gleichzeitig zur Mehrung des eigenen Wissens und zur Schulung des Auges.“ Dem ist vollauf zuzustimmen und das Buch sei empfohlen, wiewohl wahrscheinlich nur noch im Antiquariat erhältlich.

Besinnliche Wanderfahrten“ von Wilhelm Hausenstein; erschienen 1955 im Verlag Schnell & Steiner, München. Dritte, erweiterte Auflage 1963 

Anzeige

Anzeige

Kommentieren





Anzeige